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Das IFAPLAN-Kamingespräch Juli 2016

Beim IFAPLAN-Kamingespräch besprechen Vater Dieter und Sohn Marcel aktuelle Themen aus Wirtschaft und Gesellschaft.

In diesem Monat: Das Zinsniveau

Dieter: Wie lange wird denn deiner Meinung nach das aktuelle Niedrigst-Zinsumfeld anhalten?

Marcel: Das ist schwer zu sagen. Vieles spricht dafür, dass uns niedrige Zinsen noch eine ganze Weile begleiten werden. Sowohl die aktuelle Politik der Europäischen Zentralbank als auch das eher verhaltene Wachstum der Wirtschaft in Europa wie auch weltweit sprechen derzeit nicht für einen deutlichen Zinsanstieg. Zu steigenden Zinsen kommt es meistens in Verbindung mit einer auf Hochtouren laufenden Wirtschaft. Aktuell ist die Wirtschaft der Eurozone noch deutlich von einem Kapazitätsengpass entfernt, der sich in der Folge über erhöhte Kapitalnachfrage und inflationäre Tendenzen in steigenden Kapitalrenditen niederschlagen könnte. Laut Bundesbankstatistik lag die Kapazitätsauslastung der Industrie der Eurozone im dritten Quartal 2015 bei 81,1 Prozent. Das entspricht etwa dem Niveau von 2003, einer wirtschaftlich schwachen Zeit in Deutschland. Der Kapitalbedarf für Erweiterungsinvestitionen ist im Moment also eher gedämpft. Deutlich wird dies beispielsweise auch an den aktuellen Übernahmeplänen der Bayer AG für Monsanto. Der Wert dieser Übernahme übersteigt nach aktuellen Konditionen die der Investititonsausgaben von Bayer um ca. das 30-fache. Das Geld, das Bayer hier investiert, verbleibt in der Finanzsphäre, da es nur von Bayer (und damit mittelbar den Aktionären von Bayer) zu den Aktionären von Monsanto wandert. Es erhöht damit nicht die Netto-Kapitalnachfrage. Ohne steigende Nachfrage gibt es auch keinen Grund, warum der Preis des Kapitals, der Zins, steigen sollte.

Dieter: Im wirtschaftswissenschaftlichen Studium der 60er Jahre war Preisstabilität eines der zentralen Ziele der Wirtschaftspolitik. Gilt das heute unverändert weiter oder hat sich da ein Perspektivwechsel vollzogen?

Marcel: Grundsätzlich ist das sicher weiterhin gültig. Unter Preisstabilität versteht die Notenbank allerdings keine gleichbleibenden Preise, sondern stabile Teuerungsraten im Bereich knapp unter 2 Prozent pro Jahr. Nach den Messgrößen der Notenbank entspricht hier die aktuelle Entwicklung nicht ihren Vorstellungen. Tatsächlich verteuert sich der von der Notenbank beobachtete Warenkorb aktuell kaum. In anderen Bereichen ist hingegen ein rasanter Preisanstieg zu beobachten: Neben Immobilien betrifft dies nahezu alle Gegenstände, die sich als Vermögensgegenstände begreifen lassen: beispielsweise alte Porsche, Kunst, Uhren und Schmuck. Hier steigen die Preise mit atemberaubender Geschwindigkeit. Diese sogenannte Vermögenspreisinflation wird von der herkömmlichen HVPI(Harmonisierter Verbraucherpreisindex)-Inflation nicht abgebildet.
Einen gewissen Grad an Inflation zu erzeugen liegt auch im besonderen Interesse der hochverschuldeten Staaten in der EU. Durch steigende Preise steigen tendenziell ihre Steuereinnahmen und zusätzlich steigt das nominale Bruttoinlandsprodukt, wodurch der Quotient Staatsverschuldung/Bruttoinlandsprodukt (bei stabiler Verschuldung) sinkt und somit eine steigende Schuldentragfähigkeit anzeigt. Es ist also nicht auszuschließen, dass verschuldete Staaten versuchen, Druck auszuüben, um auf eine inflationsfördernde Politik hinzuwirken.

Dieter: Zum Schluss noch eine ganz aktuelle Frage: Kann man eigentlich derzeit in Großbritannien noch Geld anlegen?

Marcel: Das hängt unter anderem davon ab, mit welchem Zeithorizont man investieren möchte und um welche Anlageklassen es geht. Während  beispielsweise britische Staatsanleihen unter einem potentiell fallenden Pfund leiden würden, da für den Euro-Anleger sowohl der Nominalwert als auch die Zinsen in Euro weniger wert wären, sieht die Situation bei Unternehmen aus UK, die exportlastig sind, deutlich anders aus. Diese profitieren (in Pfund gerechnet) von einer fallenden Währung, da ihre Umsätze in anderen Währungen in Pfund umgerechnet mehr wert sind. Dies kann Währungsverluste der Investoren (über-)kompensieren. Man hat dies bereits bei manchen Unternehmen gesehen. Die Aktien eines großen britischen Spirituosenkonzerns mit starkem Auslandsgeschäft notieren heute (Anfang Juli, in Euro) höher als am Tag vor dem Brexit-Referendum. Unter Belastungen leiden in der kürzeren Frist die britischen Finanzkonzerne, da auf diese, je nach Ausgestaltung der Verträge Großbritanniens mit der EU, sehr hohe Regulierungslasten zukommen.
In der langen Frist (10 Jahre+) ist es aber möglich, dass Großbritannien nicht der Absturz bevorsteht, der aktuell befürchtet wird. Einerseits gibt es auch von EU-Ländern wie Deutschland starke wirtschaftliche Interessen, Handelsmodalitäten mit Großbritannien nicht zu belastend zu gestalten. Großbritannien ist aktuell immerhin Deutschlands drittgrößter Exportpartner. Andererseits ist Großbritannien ein marktwirtschaftlich geprägtes Land und marktwirtschaftlich geprägten Gesellschaften fällt es nach bisheriger Erfahrung tendenziell leichter, sich mittelfristig an externe Schocks anzupassen.

Dieter: Vielen Dank für deine profunden Erläuterungen. Dass uns die Themen ausgehen, befürchte ich wirklich nicht.